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Esther Perel

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Die Frau, die Beziehungen von falschen Erwartungen befreit

Esther Perel ist eine der wenigen Stimmen unserer Zeit, die über Liebe spricht, ohne sie zu verklären. Sie arbeitet als Psychotherapeutin, doch ihr eigentliches Arbeitsfeld ist die moderne Gesellschaft. Perel behandelt keine Paare im luftleeren Raum – sie analysiert Beziehungen als Spiegel kultureller, historischer und ökonomischer Entwicklungen. Ihr Denken beginnt dort, wo klassische Therapie aufhört: bei der Frage, was wir heute überhaupt voneinander erwarten dürfen.

Geboren in Antwerpen als Tochter jüdischer Holocaust-Überlebender, wuchs Perel in einem Umfeld auf, in dem Bindung existenziell war. Nähe bedeutete Sicherheit, Verlust war allgegenwärtig. Diese biografische Prägung ist kein Randdetail, sondern zentral für ihr Werk. Perel lernte früh, dass Beziehungen nicht nur romantische Konstrukte sind, sondern Überlebenssysteme. Später studierte sie Psychologie, arbeitete international und ließ sich schließlich in New York nieder – einem Ort, der Individualismus und Einsamkeit gleichermaßen verkörpert.

Berühmt wurde Perel mit ihrer radikalen Neubewertung von Untreue. Während klassische Narrative Fremdgehen als moralisches Versagen interpretieren, betrachtet sie es als Symptom. Nicht als Entschuldigung, sondern als Diagnose. Ihre These lautet: Untreue ist oft weniger ein Verrat am Partner als ein Ausdruck von Verrat am eigenen Selbst. Menschen suchen im Außen, was sie im eigenen Leben verloren haben – Lebendigkeit, Identität, Autonomie.

Was Perel dabei so unbequem macht, ist ihre Weigerung, einfache Schuldzuweisungen zu akzeptieren. Sie nimmt weder Täter noch Opfer aus der Verantwortung, aber sie erweitert den Blick. Beziehungen, so argumentiert sie, sind heute überfordert. Wir verlangen von einer einzigen Person, was früher auf viele Schultern verteilt war: emotionale Sicherheit, ökonomische Stabilität, sexuelle Erfüllung, persönliches Wachstum, Sinnstiftung. Dass dieses Modell instabil ist, hält Perel für eine strukturelle, nicht individuelle Schwäche.

In ihren neueren Arbeiten beschäftigt sich Perel zunehmend mit dem Spannungsverhältnis zwischen Nähe und Freiheit. Moderne Beziehungen scheitern ihrer Ansicht nach nicht an zu wenig Intimität, sondern an deren Überdosierung. Permanente Transparenz, emotionale Dauerverfügbarkeit und die Erwartung, alles teilen zu müssen, zerstören das, was Begehren braucht: Abstand, Eigenständigkeit, Geheimnis. Perel rehabilitiert damit eine Qualität, die in der Gegenwart fast verdächtig geworden ist – Autonomie innerhalb von Bindung.

Ein zentraler Gedanke, der in öffentlichen Diskussionen oft untergeht, ist Perels Kritik an der romantischen Gleichsetzung von Liebe und Sicherheit. Sicherheit ist wichtig, aber Begehren entsteht nicht dort, wo alles vorhersehbar ist. Leidenschaft, so Perel, lebt von Unsicherheit, von dem Gefühl, den anderen nie vollständig zu besitzen. Diese Erkenntnis stellt das Ideal der vollkommenen Verschmelzung infrage, das viele Beziehungen unbewusst anstreben – und an dem sie oft scheitern.

Perel denkt Beziehungen stets im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen. Die moderne Arbeitswelt mit ihren Mobilitätsanforderungen, ihrem Leistungsdruck und ihrer ständigen Selbstoptimierung wirkt direkt auf intime Beziehungen. Wenn Identität zunehmend über Karriere definiert wird, geraten Partnerschaften unter Druck, diese Leere auszugleichen. Liebe wird zur Kompensation eines fragmentierten Lebens. Perel benennt diese Dynamik klar – ohne sie zu verurteilen.

Besonders relevant ist ihre Arbeit im Hinblick auf weibliche Selbstbilder. Perel widersetzt sich der Vorstellung, dass emotionale Anpassungsfähigkeit automatisch Stärke bedeutet. Viele Frauen, so ihre Beobachtung, haben gelernt, Harmonie herzustellen, Konflikte abzufedern und Bedürfnisse zurückzustellen. Langfristig führt diese Selbstverleugnung nicht zu stabileren Beziehungen, sondern zu innerer Erschöpfung. Perel plädiert für klare Grenzen – nicht als Trennung, sondern als Voraussetzung für echte Nähe.

In den letzten Jahren widmet sich Perel verstärkt der Frage, wie Beziehungen nach Brüchen weitergehen können. Sie interessiert weniger die perfekte Beziehung als die Fähigkeit zur Reparatur. Vertrauen, so ihre These, entsteht nicht durch Fehlerfreiheit, sondern durch den Umgang mit Verletzungen. Diese Perspektive ist bemerkenswert, weil sie Scheitern nicht als Ende, sondern als Übergang begreift.

Was Esther Perel von vielen zeitgenössischen Stimmen unterscheidet, ist ihre intellektuelle Disziplin. Sie verweigert sich einfachen Parolen, emotionalem Aktivismus oder therapeutischer Selbstgefälligkeit. Ihre Sprache ist klar, oft nüchtern, manchmal provokant. Sie traut ihrem Publikum zu, Ambivalenzen auszuhalten. Liebe ist für sie kein Zustand, sondern ein dynamisches Verhältnis – zwischen Sicherheit und Risiko, Nähe und Distanz, Verantwortung und Freiheit.

Perels eigentliche Leistung liegt darin, Beziehungen von überhöhten Erwartungen zu befreien, ohne sie zu entwerten. Sie romantisiert nicht, sie zynisiert nicht. Sie macht sichtbar, dass moderne Liebe nicht schwieriger geworden ist, weil wir unfähiger sind – sondern weil wir mehr von ihr verlangen als je zuvor.

Esther Perel liefert keine Rezepte für glückliche Beziehungen. Sie liefert etwas Wertvolleres: ein realistisches, erwachsenes Bild davon, was Nähe heute bedeuten kann – wenn wir aufhören, sie mit Perfektion zu verwechseln.

Heidelinde Dvoracek
Heidelinde Dvoracekhttps://voyage.next-play.at
VOYAGE von Heidelinde Dvoracek ist ein editorialer Denkraum für ausgewählte Perspektiven auf unsere Zeit. Im Mittelpunkt stehen Persönlichkeiten, Orte und Ideen, die gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen prägen. Qualität vor Geschwindigkeit. Tiefe vor Lautstärke. Relevanz vor Reichweite.

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