Wenn eine Stimme zur einzigen Orientierung wird

Ein VOYAGE-Gespräch mit Elina Stary und Stefan Winter

Ich hatte das Vergnügen, Elina Stary und Stefan Winter am Arlberg in Zürs kennenzulernen. Eine Begegnung, die nicht laut beginnt und dennoch lange nachwirkt. Vielleicht, weil sie nichts erklären will – und gerade dadurch so viel erzählt.

Elina Stary ist sehbehindert. Und sie ist Weltcup-Skifahrerin im alpinen Spitzensport. Eine Athletin, die sich international misst, mit hoher Geschwindigkeit, maximaler Präzision und außergewöhnlicher mentaler Stärke. Ihre Leistungen sind kein Symbol, keine Ausnahme, kein „trotz alledem“. Sie sind sportliche Realität auf höchstem Niveau – erarbeitet durch Disziplin, Training und einen kompromisslosen Anspruch an sich selbst.

An ihrer Seite fährt Stefan Winter, Guide im alpinen Para-Skisport und Teil des Systems des Österreichischer Skiverband. In dieser Rolle ist er nicht nur Vorausfahrer, sondern Orientierung, Stimme und Verantwortungsträger zugleich. Wenn Elina startet, wird seine Stimme zu ihrem Blick. Jeder Hinweis, jedes Kommando ist verbindlich, jede Entscheidung wirkt unmittelbar.

Stefan Winter bringt langjährige Führungserfahrung aus dem beruflichen Umfeld mit. Verantwortung, Entscheidungsdruck und Teamführung sind für ihn gelebte Praxis. Als Guide im Weltcup-Umfeld verlangt diese Verantwortung jedoch eine andere Qualität: absolute Präsenz, maximale Klarheit und ein tiefes technisches Verständnis des Skisports. Was zwischen Elina Stary und Stefan Winter entsteht, ist kein klassisches Athlet-Guide-Verhältnis, sondern ein hochsensibles Zusammenspiel auf Augenhöhe – getragen von Vertrauen.

VOYAGE hat beide gemeinsam zum Gespräch gebeten.

„Meine Stimme ist ihre einzige visuelle Orientierung“

VOYAGE:
Stefan, wie verändert sich Verantwortung, wenn deine Stimme während der Fahrt die einzige visuelle Orientierung ist?

Stefan Winter:
Das ist eine sehr spezielle Form von Verantwortung. In meinem beruflichen Leben habe ich über viele Jahre Teams, Abteilungen und ganze Business Units geleitet. Verantwortung und Druck kenne ich also gut. Aber zu wissen, dass meine Stimme die einzige Orientierung ist, hat eine völlig andere Dimension.

Was mir viel bedeutet, ist das Vertrauen, das Elina mir schenkt. Und dieses Vertrauen ist gegenseitig. Ich muss mich darauf verlassen können, dass sie genau das umsetzt, was ich ansage. Dieses Verhältnis ist außergewöhnlich. Ich kann mir kaum vorstellen, mit so wenig Sehvermögen jemandem bei diesen Geschwindigkeiten hinterherzufahren. Der Respekt vor dem, was sehbehinderte Athletinnen und Athleten leisten, ist enorm – und dieser Sport verdient deutlich mehr Aufmerksamkeit

Verantwortung ausblenden, um präzise zu bleiben

VOYAGE:
geht dir in diesen Momenten durch den Kopf, dass jede Ansage unmittelbare Konsequenzen hat?

Stefan Winter:
Genau diesen Gedanken darf man nicht zu sehr zulassen. Entscheidend ist, darauf zu vertrauen, dass man ein eingespieltes Team ist. Dass man weiß: Wir meistern jede Piste gemeinsam. Natürlich ist die Verantwortung riesig, und jede falsche Ansage hätte Konsequenzen. Aber genau deshalb muss man das bewusst ausblenden – sonst blockiert man sich selbst.

Vertrauen als Voraussetzung, nicht als Technik

VOYAGE:
Wie entsteht Vertrauen auf diesem Niveau? Ist es trainierbar?

Stefan Winter:
Ich glaube, es braucht ein Grund- oder Urvertrauen, das man nicht trainieren kann. Es ist entweder da oder nicht. Wir sprechen hier von Spitzensport, von steilen, schnellen Pisten. Jedes Kommando von mir hat unmittelbare Auswirkungen auf Elina.

Durch gemeinsames Training, durch Grenzsituationen wächst dieses Vertrauen weiter. Man lernt, besser miteinander umzugehen, Situationen zu lesen. Aber ohne dieses Grundvertrauen wäre dieser Sport auf diesem Niveau fast unmöglich – und vor allem gefährlich.

Wenn aus zwei Menschen ein Team wird

VOYAGE:
Gab es einen Moment, in dem du wusstest: Jetzt sind wir wirklich ein Team?

Stefan Winter:
Einen einzelnen Moment gab es nicht. Es war relativ schnell nach den ersten gemeinsamen Trainingstagen klar, dass wir sportlich sehr gut zusammenfinden. Seitdem ist dieses Vertrauen nur noch stärker geworden. Im sehbehinderten alpinen Skisport ist man immer ein Team. Elina kann nicht ohne mich fahren – und meine Rolle hätte keinen Sinn, wenn sie nicht wäre. Man gewinnt gemeinsam, man verliert gemeinsam.

Kontrolle statt Freiheit

VOYAGE:
Elina, was passiert mental in dir, wenn du mit hoher Geschwindigkeit unterwegs bist und dich vollständig auf Stefans Stimme verlässt?

Elina Stary:
Für mich ist es ganz klar Kontrolle. Freiheit oder Loslassen trifft es weniger, weil ich nicht nur von meinem eigenen Skifahren abhängig bin. Ich fahre jemandem nach. Das erfordert enorme Konzentration.

Ich versuche vor dem Start in einen Flow-Zustand zu kommen, wirklich bei mir zu sein und den Kopf auszuschalten. Aber während der Fahrt muss ich extrem fokussiert bleiben.

Vertrauen unter Druck

VOYAGE:
Vertrauen ist bei euch keine abstrakte Idee, sondern eine Handlung in jeder Sekunde. Wie bleibt es stabil?

Elina Stary:
Bei Stefan war es etwas leichter, weil wir uns schon seit über zehn Jahren kennen. Das Grundvertrauen war also schon da, bevor wir gemeinsam Ski gefahren sind. Trotzdem ist es etwas völlig anderes, sich auf jemanden zu verlassen, der für dich mitschaut.

Am Anfang muss man mental erst dorthin kommen, jemandem vollkommen zu vertrauen. Den Kopf ausschalten, Kontrolle abgeben – das ist nicht leicht. Mit Stefan hat das zum Glück sehr gut funktioniert. Vertrauen ist die Basis von allem, was wir machen. Ohne das würde es nicht funktionieren.

Erwartungen, Druck und der eigene Maßstab

VOYAGE:
Du bewegst dich in einem Umfeld, in dem viele Menschen Grenzen sehen. Wie gehst du mit Erwartungen um?

Elina Stary:
Ich bin sehr selbstkritisch und habe lange mit Erwartungen gehadert, weil sie mich schnell unter Druck setzen. Seit drei Jahren arbeite ich mit einem Mentaltrainer, das hat mir sehr geholfen.

Heute sehe ich Erwartungen eher als Chance. Als Möglichkeit zu zeigen, was mit einer Beeinträchtigung möglich ist. Gleichzeitig versuche ich, mich nicht permanent auf große Ziele zu fixieren. Ich konzentriere mich bewusst auf das Skifahren selbst – darauf, das Beste aus mir herauszuholen, ohne mich nervös machen zu lassen.

Führung, Verantwortung und Sinn

VOYAGE:
Stefan, was kann euer Zusammenspiel Menschen außerhalb des Sports mitgeben?

Stefan Winter:
Vertrauen spielt auch in meinem beruflichen Leben seit Jahren eine große Rolle. Aber die Verantwortung im Skisport mit Elina ist eine andere Dimension. Ich bin unfassbar dankbar, dass sie mir dieses Vertrauen schenkt. Gemeinsam Ziele zu verfolgen, erfüllt mich heute mehr als klassische wirtschaftliche Erfolge.

Ein Plädoyer für mehr Offenheit

VOYAGE:
Elina, was wünschst du dir von der Gesellschaft?

Elina Stary:
Mehr Respekt. Mehr Offenheit. Menschen mit Beeinträchtigung sind so viel mehr als das, was man auf den ersten Blick sieht. Wir sind noch nicht dort, wo wir gleichwertig integriert sind. Deshalb hoffe ich, dass wir lernen, einander wirklich zu sehen.

Schluss

Elina Stary und Stefan Winter erzählen keine Geschichte über Einschränkung. Sie erzählen eine Geschichte über Leistung, Verantwortung und Vertrauen. Eine Geschichte, die zeigt, dass Inklusion nicht erklärt werden muss, wenn sie gelebt wird.

Für VOYAGE ist dieses Gespräch ein Beitrag zu Sichtbarkeit. Und eine Erinnerung daran, dass Orientierung manchmal nicht über das Sehen entsteht – sondern über Vertrauen.